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Die Muschel


Es war die Muschel. Wie hat sie das fertig gebracht? Sie hat es einfach geschafft. Nur ein weiteres Mal lauschte ich sehnsüchtig dem leisen Meeresrauschen in Ihrem Inneren. Dies Rauschen ist mein Traum eines fernen Landes. Dann ist es passiert. Jetzt sitze ich hier auf Platz 3A des Air Niugini Flugs. Die Air Niugini Maschine ist laut, wackelt und die Gepäckklappen gehen dauernd von alleine auf. Jetzt fehlen nur noch die Sauerstoffmasken. Und prompt kommen auch die Sauerstoffmasken herunter. Die meisten Passagiere kennen das schon und lachen. Die paar Touristen ziehen hektisch die Masken an - wie damals. Ist es ein Traum, oder bin ich wirklich hier?


Der Flug über die Hügelketten ist grandios. Tiefe Schluchten und Wasserläufe schimmern ab und zu durch den Regenwald, der wie eine Decke über dem Land liegt. Ein paar kleine Wolken ziehen direkt am Fenster vorbei. Der Morgennebel steigt aus den Tälern unter uns auf. Die Frau neben mir hat auch endlich mit ihren Gebeten „Jesus, help me.“ aufgehört. Jetzt wird das Vaterunser bemüht. Dabei verstauen die Stewardessen  schon wieder mit melanesischer Gelassenheit die Sauerstoffmasken in ihren Konsolen. Es gibt harte Kekse mit Rindfleischgeschmack und Orangensaft. Es kann also doch kein Traum sein.


Unter uns sind nun einige Hügel nur noch mit Gras bedeckt. Das müssen die ehemaligen Goldhügel rund um Wau sein. Und kurz danach erkenne ich die Küste und den Pazifik. Dort liegt die Halbinsel Salamaua. Wie oft sind wir von dort aus an den japanischen Kriegsschiffen vor der Küste getaucht. Jetzt fliegen wir die Küste entlang. Ist dies das Dorf, wo wir die Lederrücken-Schildkröten nachts bei der Eiablage beobachtet haben? Und dort fischen Kinder in ihren Auslegerbooten. Es muss ein Traum sein.


Als schließlich die Mündung des Markham Fluss in Sicht kommt, kramt die Frau neben mir aus ihrem Netzsack eine Bibel und fängt an aus dem Johannes Evangelium zu rezitieren. Der große Mündungsbereich des Markham in den Huon Golf hat mich schon immer fasziniert. Wir fliegen am Fluss entlang in das breite Markham Tal. Der Markham mäandriert durch Inseln, Sandbänke, Graslandschaft und Mangrovensümpfe. Vom Flugzeug aus erscheint es wie ein wildes Durcheinander.


„PLING“, die Anschalzeichen gehen wieder an. Der Flughafen Nadzap ist in Sichtweite. Der Pilot dreht eine Runde, um die Startbahn zu begutachten. Das Johannes Evangelium dudelt noch immer neben mir. Landeanflug. Der Pilot setzt kurz und hart auf. Wahrscheinlich ist es wieder einer der Ex-Vietnam Piloten. Die Triebwerke kreischen, alle Gepäckklappen  gehen auf und die Sauerstoffmasken kommen diesmal nur vereinzelt heraus. Vielleicht wurden sie ja nicht ganz richtig verstaut. Sobald wir am Boden sind, verstaut meine Nachbarin ihre Bibel und meint zu mir: „Em i gutpela balus!“, das ist aber ein gutes Flugzeug. Ich nicke zustimmend und träume weiter.


Die Flugzeugtür geht auf. Alle stehen im Gang mit ihrem Gepäck. Ich wünsche meiner Nachbarin noch Gottes Segen. Sie ist hoch erfreut. Als die Reihe an mir ist, muss ich einen Moment in der Flugzeugtür verharren. Die feuchte Hitze schlägt mir entgegen, wie ein nasses Handtuch. Die Duftnote des Markhams hat mich wieder. Dies ist kein Traum. Ich bin wieder zuhause.


Einige Tage verstreichen in Lae. Ich habe sogar ein paar „alte“ Bekannte wieder getroffen. Mit dem Boot sind wir unterwegs zum Fischen. An einem Riff liegen wir vor Anker. Ich schnappe mir eine Maske und Flossen und schnorchel am Riff. Toll ist dieses Leben an einem solchen Korallenriff. Die bunten Fische, die Korallen, die Schwämme … da sehe ich sie wieder. Sie hat sich an einem Korallenarm verhakt. Ihr Bewohner ist längs ausgezogen. Vorsichtig löse ich sie von der Steinkoralle. An Bord lausche ich und wirklich die Muschel gibt wieder das leise Rauschen des Pazifiks preis. Ob sie ahnt, was sie erträumte? Sie hat mich nach Hause gebracht.


Tobias Riegel im Dezember 2007.